Zauber und Staub

Patchworkfalle Nr. 3 / Vom Vermissen

Emma hat Sommerferien.
6 Wochen lang. Und jeder, der berufstätig ist und schulpflichtige Kinder hat, der weiß, dass 6 Wochen Sommerferien eine Frechheit sind. Wie soll man Ferien von der Dauer des gesamten Jahresurlaubs abdecken? In Gesprächen zu diesem Thema pflege ich zu sagen, dass ich ja mit Emma noch Glück habe, schließlich hat sie Eltern, die nicht (mehr) gemeinsam Urlaub machen müssen. Und rechnet man die jeweils neuen Partner hinzu, dann können wir die 13 Wochen Schulferien pro Jahr immerhin auf 4 Arbeitnehmer aufteilen, was unter dem Strich eine gute Quote ergibt – im Vergleich zu den armen „normalen“ Familien, die entweder ziemlich viel Verwandtschaft und Ferienlager mit einplanen, oder aber einfach grundsätzlich getrennt urlauben müssen.
Soweit so prima.
Das Ergebnis dieser großartigen Regelung ist jedoch, dass die Sommerferien schön halbiert werden. 3 Wochen dort, 3 Wochen hier.
3 Wochen. Sind eine lange… lange Zeit. Für mich. Für Emma. Für Johanna.
„Wo is‘ die Emma?“ fragt Johanna täglich. Anfangs mehrmals täglich. Und sucht sie. „Emma in der Schule?“ „Nein. Emma ist im Urlaub. Bei ihrem anderen Papa.“ (wir haben uns auf die Sprachregelung „anderer Papa“ gegenüber Johanna entschieden, was für sie völlig akzeptabel ist). „Gehmer hoch? Emma suchen?“ („hoch“ bedeutet in Emmas Zimmer im Dachgeschoss).
Ihr Schmerz tut mir in der Seele weh. Sie vermisst ihre große Schwester, ihr großes Vorbild und Idol, und es bricht mir das Herz. Dabei ist Johanna es ja grundsätzlich gewohnt, dass Emma die Hälfte der Woche nicht da ist. Aber 3 Wochen sind was anderes, als 3 Tage, das merkt man auch als 2-Jährige.
Zum Glück fällt Johannas 2. Geburtstag genau in die Mitte der 3 Wochen. Und da Emma mit ihrem Vater nicht etwa 3 Wochen auf Teneriffa weilt, sondern zuhause, nur 42 km von uns entfernt, darf sie uns zum Geburtstag ihrer Schwester besuchen. So kann ich schon 3 Tage vorher auf Johannas Frage fröhlich antworten: „Emma ist bei ihrem anderen Papa. Aber bald/übermorgen/morgen kommt sie zu deinem Geburtstag!“ was für alle Beteiligten eine viel bessere Antwort ist, als „Schatz, sie ist im Urlaub. Noch über 2 Wochen.“
Mindestens so groß wie die Vorfreude ist auch die Freude, als Emma tatsächlich vor der Tür steht. „Die Emma is‘ daaaaa, Mama!“ Ein besseres Geschenk konnte man Johanna nicht machen. Sie klebt den Rest des Nachmittags an ihrer großen Schwester, wie ein Äffchen an seiner Mutter. Emma muss Bücher vorlesen. Alle. Mit der Puppi spielen und Duplo bauen. Nochmal Bücher Vorlesen. Und hüpfen. Und Kuscheln. Viel Kuscheln. „Komm, Emma!“ sagt Johanna immer wieder und zerrt ihre große Schwester an der Hand.
Doch je näher das Ende des Tages kommt, um so schwerer werden die Herzen. Alle 3.
Meine 1-Meter-40-große, 35-Kilo-schwere 8-Jährige sitzt auf meinem Schoß wie ein Kleinkind.
„Mama, weißt du, bei Papa ist es schon echt schön. Aber 2 Wochen hätten mir echt auch gereicht!“.
Ich schlucke den Kloß im Hals tapfer hinunter und erwidere mit fröhlicher Stimme „Ach Schatz, schau mal, 11 Tage sind schon um, jetzt sind es nur noch 12, dann bis du 3 Wochen am Stück bei uns! Und du kannst mich jeden Tag anrufen, wenn du mich vermisst!“ Sie nickt, ich sehe dass sie mit den Tränen kämpft und ich muss mich selbst sehr zusammenreißen.
Wir winken fröhlich ich winke fröhlich und Johanna weint herzzerreißend, als Emma mit hängendem Kopf zum Auto schlurft.
„Emma nicht weg gehen! Emma hier bleiben! Emma nicht weg gehen!“ Johanna ist untröstlich. Und ich würde am Liebsten mitheulen. Aber irgend jemand muss die gute Miene ja aufrecht erhalten.
„Sie kommt ganz bald wieder, Johanna!“
Ganz bald. Nur noch 12 Tage.
12 endlos lange Tage.

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