Zauber und Staub

Trisömchen und so

Mein großer Bruder ist behindert. Sogar so behindert, dass man ihn rein rechtlich hätte jederzeit, auch nach der 12. Woche, abtreiben können.
Meine Mutter, damals 21, hat erst nach der Geburt von seiner Behinderung erfahren, und daher hat mein großer Bruder das Glück, heute 36-jährig, seinem absolut lebenswerten und fröhlichen Leben nachzugehen. (Was nicht heißt, dass sie ihn abgetrieben hätte, hätte sie es vorher gewusst. Hätte sie wahrscheinlich nicht).
Er wohnt in einer 2er-WG, geht arbeiten, ist erfolgreicher Hobby-Boxer und hat eine Freundin. Meine Eltern besucht er nur so alle 4 Wochen, denn an den restlichen Wochenenden hat er einfach keine Zeit dafür.
Mein großer Bruder hat Trisomie 21.
Sicher wurde meine leicht militante Einstellung zu pränataler Diagnostik stark dadurch geprägt, dass ich (als 2. Kind) gemeinsam mit einem „Trisomie-Kind“ aufgewachsen bin. Und ich will hier keine rosa Wölkchen malen – es war nicht immer leicht. Einen behinderten Bruder zu haben ist als Kind nicht schön.
Aber nicht seinetwegen – sondern nur wegen der anderen. Es kam vor, dass andere Kinder mir über den Gartenzaun zuriefen „Ey! Ist dein Bruder ein Behindi?“, wenn wir im Garten spielten. Andere Kinder haben mit dem Finger auf ihn gezeigt. Ihn ausgelacht. Das war schwer für mich – nicht so sehr für ihn. Denn mein großer Bruder ist eines der unbekümmertsten Wesen, die mir je begegnet sind. Er ist freundlich, offen, herzlich. Zu jedem. Auch zu den bescheuerten A*-Kindern. Mit seinem grund-positiven Wesen geht er immer zuerst mal davon aus, dass alle Menschen seine Freunde sein könnten – wenn sie es denn wollen.
Das ist sicher einer der Gründe, warum ich immer wieder mit Frauen (und Paaren) regelrecht aneinander gerate, wenn sie mir freudestrahlend davon erzählen, welche pränatale Diagnostik sie durchgeführt haben oder durchführen wollen, und dass ihr Baby ja Gott sei Dank gesund sei.
„Ach echt? Und woher willst du wissen, dass es nicht blind ist? Oder stumm? Oder irgendeine Immunschwäche entwickelt? Oder Autist ist?“ Ich KANN es mir einfach nicht verkneifen.
„Ja neee, ich meine, Gott sei dank ist es halt nicht behindert, wollt ich sagen.“ entgegnen sie dann meistens verdutzt. „Ach sooooo. Das meintest du!“
Ich kann diese Angst sogar verstehen. Natürlich. Jeder will ein gesundes, glückliches Kind, das ohne große Schäden das 92. Lebensjahr erreicht und dann friedlich einschläft.
Aber so ist das Leben oft nicht.
Kinder sind ein Risiko. Vom Moment der Empfängnis an. Und dieses Risiko hört nicht mit erfolgreich überstandener Nackenfaltenmessung, Fruchtwasserpunktion oder Harmony-Test auf. Dieses Risiko hört auch nicht mit der Geburt auf!
Letzte Woche wurde ganz bei uns in der Nähe ein 2-Jähriger lebensgefährlich angefahren, weil ein Autofahrer eine rote Ampel übersehen hat. Das Kind bleibt höchst wahrscheinlich den Rest seines Lebens auf Hilfe angewiesen – wenn es überlebt. Und nun? Nun hat die Mutter eventuell (und rein spekulativ) alles richtig gemacht, in der Schwangerschaft alle Eventualitäten ausgeschlossen, ein gesundes Kind bekommen, dieses immer richtig behandelt, gehegt und gepflegt und geliebt… und dennoch ist innerhalb von einer Sekunde alles vorbei und sie hat ein schwerst-mehrfach behindertes Kind. Was jetzt? Das Zeitfenster für Abtreibung ist leider abgelaufen.
Nein, ich bin nicht grundsätzlich gegen Abtreibung. Ich bin auch nicht katholisch. Und ja, ich werde wirklich pathetisch bei diesem Thema.
Denn viele Menschen verwechseln einfach „lebensfähig“ mit „lebenswert“.
Und ich reagiere furchtbar empfindlich auf diese Überheblichkeit, selbst einschätzen zu wollen, was „lebenswert“ ist und was nicht. Dieses Gefühl, selbst entscheiden zu können, welche Art von Kind man gerne hätte – und welche eher unpassend wäre.
„Weißt du, in unsere Leben passt einfach kein behindertes Kind! Wie sollen wir das denn machen? Das geht einfach nicht!“
Wohin führt uns das? In anderen Kulturen kann man „behindert“ z.B. auch beliebig mit „weiblich“ ersetzen. Und irgendwann mit „blond“ oder „braunäugig“ oder „schwarz“. Da wird’s mir einfach schlecht.
Einer der Ärzte sagte zu meiner Mutter, ziemlich kurz nach der Geburt (zugegeben, vor über 36 Jahren), sie solle sich keine allzu großen Sorgen machen, das Kind würde eh maximal 10 Jahre alt werden. Dann habe sie diese Last wieder los. Ein anderer prognostizierte, er würde niemals richtig sprechen, laufen oder gar Fahrrad fahren. Beide lagen vollkommen daneben.
Nur einer hatte Recht, als er sagte: „Unter Hitler hätte es sowas nicht gegeben.“

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