Emma's Weisheit · Zauber und Staub

Lektion für’s Leben

Ich öffne Emma die Haustür und sehe sofort, dass irgendetwas nicht stimmt. Ihre Miene ist beunruhigend traurig und finster. „Hallo Schatz, komm rein. Wie war’s in der Schule?“ frage ich extra fröhlich. „Ok.“ sagt sie nur, stellt den Schulranzen in die Ecke und hängt ihre  Jacke auf. „Möchtest du was essen, oder trinken? Hast du noch Hausaufgaben?“ plaudere ich munter weiter. „Nein. Ich geh‘ hoch in mein Zimmer, ok?“ sagt sie, und ist die Treppe schon halb oben.
Ich beschließe, ihr etwas Zeit zu geben und kümmere mich erst mal weiter um Johanna und meine Freundin, die mit ihrem Sohn in Johannas Alter zu Besuch ist. Normalerweise taucht Emma immer irgendwann wieder auf, wenn sie sich ein bisschen ausgeruht hat, oder Hunger bekommt.
Doch dieses Mal vergeht eine Stunde, ohne dass ich etwas von ihr höre oder sehe. „Ich muss mal nach der Großen sehen, okay?“ Ich klemme mir Johanna unter den Arm und gehe nach oben.
Emma liegt weinend in ihrem Bett. „Was ist denn los, Emma?“
„Gar nix!“ presst sie mit tränenerstickter Stimme hervor.
„Emma weinen!“ stellt Johanna erstaunt fest. „Emma Nunu b’auchen!“ sie bietet ihr großmütig ihren Schnuller an. Selbst die Kleine merkt, dass hier etwas überhaupt nicht stimmt.
„Emma, sag‘ mir was los ist. Komm schon!“ Sie richtet sich langsam auf und wischt mit dem Handballen die Tränen ab. „Ich hab der Anina mein Geheimnis verraten. Du weißt schon. Das mit Jonathan.“ Ich nicke verständnisvoll. „Und?“ „Und sie hat es ihm einfach gesagt!! Sie ist einfach zu ihm hin und hat ihm gesagt, dass ich in ihn verliebt bin. Obwohl sie gesagt hat, dass sie es niemandem verrät!“ Emma bricht wieder in Tränen aus. „Und er hat voll gelacht!“
Sofort fühle ich mich in meine Schulzeit zurück versetzt. Es gab fast nichts peinlicheres, als wenn jemand dem Schwarm gesteckt hatte, dass man in ihn verliebt ist.
Ich nehme Emma fest in den Arm. „Ach Schatz. Das ist wirklich fies von ihr. Das tut mir leid.“ „Und bestimmt erzählt Jonathan es jetzt auch dem Maik und dem Leon, und dann wissen es alle und dann lachen mich alle aus!“
Doch wie sich herausstellt, ist der größte Schmerz nicht die Scham, sondern die Enttäuschung, von der eigenen Freundin verraten worden zu sein. „Weißt du Mama, ich hab ihr wirklich vertraut!“ sie schluchzt. „Das ist so gemein! Wieso hat sie das gemacht?“ In diesem Moment habe auch ich keine passende Antwort. Wieso verraten Menschen Geheimnisse? Wieso tun uns Menschen weh? Das zum ersten Mal wirklich bewusst zu erfahren, muss sehr schmerzhaft sein.
„Vielleicht musst du in Zukunft ein bisschen vorsichtiger sein, wenn es um Geheimnisse geht.“ Sie nickt. „Ich erzähle niemandem mehr irgend was. Außer vielleicht meiner Cousine. Weil, die kenne ich ja schon, seit wir Babys waren. Ihr vertraue ich wirklich.“
Ich ermuntere Emma, mit mir und Johanna nach unten ins Wohnzimmer zu kommen und sie ist einverstanden.
Doch noch den ganzen Rest des Tages starrt sie immer wieder traurig in die Ferne. Man sieht ihr den Schmerz an. Und als ich sie abends ins Bett bringe, fragt sie nochmal: „Mama, wieso hat sie das gemacht? Ich verstehe das einfach nicht. Was bringt’s ihr?“ „Gar nichts bringt es ihr am Ende. Vielleicht hat sie sich kurz cool gefühlt. Aber letztendlich bringt es ihr nichts.“ Emma grübelt weiter. „Weißt du, so was baut doch kein Vertrauen auf. Das baut doch nur Vertrauen ab!“ und während ich mich noch frage, woher Emma diese Ausdrucksweise hat, fällt sie mir um den Hals. „Aber dir kann ich alles erzählen, du sagst es wirklich niemandem, gell?“
„Niemals, niemandem. Bei mir sind deine Geheimnisse sicher. Ehrenwort.“
Sie lächelt zufrieden.
Erwachsen werden tut weh. Und eine Mutter würde ALLES tun, damit es dem eigenen Kind ein bisschen weniger weh tut.

 

 

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