Zauber und Staub

Wanderkind

„Ich finde das SO TOLL, wie sie das machen. Wirklich. Das erlebt man selten. Da haben sie wirklich meinen größten Respekt – und da könnten sich viele getrennte Eltern eine gute Scheibe von abschneiden!“
Zum wiederholten Mal höre ich Lob dafür, wie mein Ex und ich als geschiedene Eltern das Leben mit gemeinsamem Kind meistern. Diesmal von der (mir völlig fremden) Oma einer Schulfreundin von Emma. „Wissen Sie, die Lucia würde auch gern wandern, so wie ihre Emma. Sie hat mir erzählt, dass ihre Emma die eine Hälfte der Woche hier, und die andere Hälfte dort verbringt. Das ist SO TOLL!“ ich nicke und lächle leicht gequält. „M-hm. Wir kriegen das ganz gut hin.“ „Ja wissen Sie, bei den Eltern von der Lucia herrscht noch Rosenkrieg. Die werden sich gar nicht einig. Das ist so schlimm.“ „M-Hm. Das ist schlimm.“
Es passiert mir immer wieder, dass mir mir mehr oder weniger bekannte Personen zu meinem unheimlichen Glück und Geschick mit unserem Patchwork-System gratulieren. „Vielleicht sollten sie mal einen Ratgeber schreiben, wirklich!“ Ähm ja. Oder nicht. Denn so wundervoll und großartig, wie es sich anhört, ist es nicht. Es hat sehr viel Schweiß und Tränen gekostet – und kostet es bis heute. Mal abgesehen von Benzin und Zeit.
Emma geht an meinem Wohnort zur Schule. Das zu erkämpfen hat zwei Beratungstermine beim Jugendamt gebraucht. Denn ich war es, die zuerst mit ihr aus der direkten Umgebung ihres Vaters weggezogen ist, vor 3 Jahren. Zwar nur 25 Kilometer, aber eben nicht mehr im selben Stadtkreis. Natürlich habe ich in der Theorie das Recht, mich innerhalb von 50 km völlig frei zu bewegen… aber in der Praxis muss jeder einzelne Kilometer ausdiskutiert werden, bei gemeinsamem Sorgerecht.
Inzwischen ist Emmas Vater auch umgezogen – leider in die entgegengesetzte Richtung, was bedeutet, dass nun 42 km zwischen unseren Wohnorten liegen. Immernoch innerhalb des 50-km-Rahmens… und dennoch unglaublich weit, wenn es um den Alltag geht.
Donnerstags wird Emma immer von ihrem Vater von der Schülerbetreuung abgeholt, Freitag morgens wieder zur Schule gefahren, um Freitag nachmittags wieder abgeholt zu werden. Jedes Mal 42 km. Was bei starkem Verkehr bis zu einer Stunde dauern kann. Sie muss eine ganze Stunde früher aufstehen und verbringt sehr viel Zeit im Auto. Aber dafür sieht sie ihren Vater jeden Donnerstag und Freitag und teilt mit ihm einen kleinen Teil des Alltags.
Die Wochenenden verbringt sie abwechselnd bis Samstagabend oder Sonntagabend ebenfalls bei ihrem Vater, wo ich sie dann jeweils wieder abhole. Was bedeutet: Nur jeden 2. Sonntag ist sie bei uns. Samstags nie. Kein gemeinsames Einkaufen, kein Brötchen holen, keine Unternehmungen, das alles findet hauptsächlich mit ihrem Vater statt. Und das war das größte und schwierigste Zugeständnis, dass ich machen musste. Emma und ich haben sehr, sehr wenig Wochenende zusammen. Mama ist Alltag. Papa ist Wochenende.
Ich dachte immer wieder, und denke auch heute noch ab und zu, ob es nicht einfacher für alle wäre, wenn ihr Vater nicht so viel Wert auf eine gerechte Verteilung legen würde. Wenn sie einfach jedes zweite Wochenende dort wäre, und eine Nacht unter der Woche und fertig. Denn als „Wanderkind“ ist man nie irgendwo ganz zuhause. Immer nur halb.
Emma führt zwei Leben. Sie hat 2 Kinderzimmer, 2 komplette Garderoben (es gibt „Mama-Klamotten“ und „Papa-Klamotten“), 2 Freundeskreise, 2 Familien. Natürlich bereichert sie das auf der einen Seite. Sie sagt selbst von sich, dass sie vier Eltern hätte, aber nur eine Mama und einen Papa. Sämtliche ihrer Freundinnen mit getrennten Eltern beneiden sie darum.
Aber auf der anderen Seite zerreißt es sie manchmal fast. Und je älter sie wird, um so mehr denkt sie darüber nach. Um so mehr scheint es sie anzustrengen. Denn kein Kind, kein Mensch, kann auf Dauer an zwei Orten sein. Das funktioniert nicht. Dafür sind wir Menschen nicht gemacht. Das geht mal ein paar Jahre gut, und bei Emma sicherlich ein paar Jahre mehr, weil sie es gewohnt ist, seit sie 3 Jahre alt ist. Aber irgendwann wird sie sich entscheiden (müssen). „Weißt du Mama, diese Fahrerei strengt mich echt an.“ Was ich längst wusste, wird Emma nun auch langsam selbst bewusst. Sie ist oft völlig verdreht, wenn ich sie von ihrem Vater abhole. Müde, erschöpft, aufgedreht, schlecht gelaunt und nah am Wasser gebaut. Simon und ich sagen immer, sie müsse sich erst mal „kalibrieren“ – das trifft es wohl ziemlich genau. Neu ausrichten. Vom einen Leben, auf das andere. Das dauert manchmal nur eine halbe Stunde – und manchmal hilft nur eine Nacht Schlaf.
Für mich ist diese Situation oft schwer zu ertragen. Weil ich sehe, dass es meinem Kind nicht gut geht. Aber es NICHTS gibt, was ich tun kann, um ihr zu helfen. Denn so ist es nun mal. Das ist der Preis, den sie für unsere Trennung zahlt – und das schmerzt. Obwohl wir alle mit größter Anstrengung versuchen, nur das Beste für Emma zu erreichen, was uns im Vergleich zu anderen Patchwork-Familien wohl auch ziemlich gut gelingt. Das Blöde ist nur, dass niemand je genau weiß, was das Beste wirklich ist.

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