Zauber und Staub

Working Mum 2

„Mama, was machst du?“ Emma starrt mich entgeistert an, als ich um 18:05 Uhr im Bad stehe und mein Gesicht restauriere. „Ich schminke mich. Das siehst du doch!“ „Ja, aber warum?“ Sie zieht eine Schnute und ich ahne nichts Gutes. „Ich habe noch ein Geschäftsessen, Schatz.“ „Ach Mammmaaaaa, hättest du mir das nicht früher sagen können?“ „Was soll denn das jetzt heißen?“ „Jetzt so spontan, das ist voll doof, da kann ich mich gar nicht drauf einstellen!“ „Emma. Worauf musst du dich denn einstellen? Ich gehe nach dem Abendessen, Simon bringt dich ins Bett und bevor du aufwachst, bin ich wieder da!“ „Na toll.“ Emma stapft sichtlich eingeschnappt davon und sitzt 10 Minuten später heulend am Esstisch.
„Ich mag das nicht, wenn du abends weg gehst!“ schluchzt sie. „Emma, bitte. Du benimmst dich wie eine 3-jährige!“ „Ich will aber, dass DU mich ins Bett bringst!“ Simon sieht mich an und verdreht die Augen. „Na das das wird sicher ein grandioser Abend!“
Dazu muss man sagen, dass es ungefähr 3 mal im Jahr vorkommt, dass ich Abends noch einen Termin oder eine Verabredung habe. Maximal 4 mal. Ich bin keine dieser Working-Mums, die zwischen Konferenzen, Tagungen und Geschäftsreisen noch irgendwie die Kinder und den Haushalt jonglieren. Eher so das „klassische“ Modell: Büro von 8:30 bis 12:30 Uhr und sonst Hausfrau und Mutter. Und wenn man meine große Tochter fragt, hat das auch gefälligst so zu bleiben. Ohne Ausnahme.
Dieser Ausbruch trifft mich völlig unerwartet und macht mich ein bisschen wütend. Was natürlich der Entspannung der Situation nicht gerade zuträglich ist. Emma hat sich inzwischen so in ihr tragisches Schicksal hineingesteigert, dass sie Rotz und Wasser heult. „Mammaaaa, kannst du nicht Termine an den Abenden machen, wenn ich bei Papa bin?“ Ja ist klar. Werde ich nächstes mal in die Planung im Büro mit einfließen lassen. „Emma, jetzt reiß dich zusammen. Was soll denn das dämliche Theater!“ Da denkt man, so mit 5 oder 6 Jahren hätte man die „Mama verlässt mich“-Angst endlich einigermaßen hinter sich gelassen, dann fängt das mit 8 plötzlich wieder an. Kann ja wohl nicht wahr sein.
Natürlich gehe ich trotzdem. Und natürlich zieht Emma das volle Register an „BleibstdudawennichZähneputze-liestdumirnocheineGeschichtevor-diewaraberkurz-lässtdudasLichtimFluran-ichkannabernichteinschlafen“ ab, wie mir Simon entnervt per SMS mitteilt: „Jetzt sitzt sie heulend auf der Treppe!“ Ich schnaube und mein Kollege gegenüber sieht mich verständnislos fragend an. 10 Minuten später die nächste Nachricht: „Jetzt sagt sie, sie will zu ihrem Papa.
Ich stecke das Handy tief in die Handtasche, stelle letztere beiseite und widme mich dem Essen. „Alles ok daheim?“ fragt mich der Kollege besorgt. „Ja, alles bestens, der Mann hat die Kinder im Griff!“ Ich zwinkere ihn vielsagend an und nehme einen großen Schluck Rosé-Schorle (das perfekte Getränk für Geschäftsessen, um nicht als Schnapsdrossel, aber auch nicht als verklemmt rüber zu kommen).
Wenn schon Working-Mum, wenn schon Stress und Theater daheim, wenn schon immer zwischen den Stühlen, dann will ich bitte die 2 Stunden als eigenständige Person unter Erwachsenen auch genießen.

Advertisements

3 Kommentare zu „Working Mum 2

  1. Ich bin kein ausgebildeter Pädagoge oder so, arbeite nur viel mit Kindern und Jugendlichen zusammen, ich wollte trotzdem mal meinen Senf dazu geben. 🙂 Also es stimmt ja auf jeden Fall, dass Kinder sich eher immer mehr von den Eltern lösen, habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass Nächte da so ein Thema für sich sind. Ich denke… es ist vielleicht sehr stark eine Charakterfrage des Kindes. Ich hab schon viele Kinder in der Grundschulzeit erlebt, wo es ein Problem war, wenn die Mutter Nachts nicht da ist, obwohl sie alt genug waren. Ob das jetzt eine Übernachtung bei der besten Freundin ist, oder Geschäftsessen… und ich denke auch, dass man dann trotzdem gehen sollte. Das Kind muss ja auch die Erfahrung machen, dass es gar nicht so schlimm ist wie befürchtet. Ich wünsche euch, dass es beim nächsten mal besser funktioniert! 🙂

    1. Danke Dir für Deinen „Senf“. Ja, wahrscheinlich ist es ein normaler Prozess. An diesem Abend traf es mich eben etwas unerwartet, weil es die vergangenen Male immer super geklappt hatte – nächstes mal werde ich das besser „vorbereiten“ 🙂

  2. Nicht böse sein. Natürlich würde ich auch trotzdem gehen, und natürlich gibt’s eigentlich kein Problem, über das es sich zu weinen lohnt. Aber genauso sicher macht sie das nicht, um’s Dir persönlich schwer zu machen oder gar Dich oder Deinen Mann zu ärgern. Wer weiß, was an dem Tag anders war als an den anderen vorher, wo’s kein Problem war? Vielleicht weiß sie das nicht mal selber. Höchstwahrscheinlich hast Du in den Moment auch nicht die Zeit, der Sache weiter auf den Grund zu gehen. Trotzdem hat sie grade diese Gefühle und muss irgendwie damit umgehen. Wenn Du böse wirst, könnte sie den Eindruck bekommen, da wäre​ was verkehrt​ bei ihr. Aber im Gegensatz zu ihr weißt​ Du ja, dass diese Gefühle vorübergehen. Ebenso weißt Du sicher aus eigener Erfahrung, dass das Unterdrücken von Gefühlen​ fast nie eine gute Lösung ist. Mein Ansatz wäre: Hab sie lieb, tröste sie und dann verabschiede Dich. Beim nächsten Mal kann schon wieder alles anders sein.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s