Zauber und Staub

Mutterliebe anders

„Ich auch schon eine Jahr meine große Kind in Heimat gelassen“.
Hanh ist ungefähr 25, schwer zu schätzen bei Vietnamesen, wie ich finde, und bearbeitet meine Fingernägel mit der Fräse. „Ein ganzes Jahr??“ Schon der Gedanke, eine meiner Töchter für ein Jahr – ach was, nur einen Monat-, nicht sehen zu können, gibt mir einen kleinen Stich. Ein ganzes Jahr ohne das eigene Kind, unvorstellbar für mich.
„Ja, wenn sie war 2 Jahre alt. Ich hier gekommen, Deutschland, ich hatte keine Wohnung , viel Arbeiten, nicht gut für mein Tochter!“
Hanh spricht wirklich ganz gut deutsch, 2 Jahre ist sie inzwischen hier, sie führt ihr eigenes kleines Nagelstudio mit 2 Angestellten. Ihre große Tochter ist 4, ihre kleine so alt wie Johanna.
„Aber ist es nicht furchtbar, das eigene Kind ein ganzes Jahr nicht sehen zu können?“ Ich gebe ehrlich zu, der Rabenmutter-Gedanke meldet sich schon ganz leise in meinem Hinterkopf. Wie kann man sein Kind ein ganzes Jahr…
„Ja, war schon schwer für mich. Aber nicht schwer für mein Tochter. Nach ein Jahr, sie hatte 7 Kilo zugenommen, sie dort in Heimat immer gegessen und immer glücklich.“ Sie bürstet den Fräs-Staub von meinen Händen. „Aber haben Sie sie gar nicht besucht?“ „Doch, ich habe besucht, nach 6 Monate. Ein Flug nach Heimat (sie sagt immer „Heimat“, nie „Vietnam“) ist sehr teuer. Aber ein mal, ich bin geflogen, sie besuchen.“ „Ja aber wieso konnte Ihre Tochter nicht hier in Deutschland bei Ihnen sein?“ „An Anfang, ich hatte kein Wohnung. Ich habe gewohnt mit meine Freundin zusammen. Und immer gearbeitet. Man kann nicht ein Kind da lassen, wenn man hat keine Zeit. Und wenn man hat niemand, der aufpasst auf Kind.“ Da hat sie wohl recht. „Und in Heimat, mein Tochter wohnt bei meine Tante. Und viele Kinder, und viele Leute aufpassen, und mein Tochter immer glücklich und nie langweilig!“ Sie strahlt mich an, als sei das völlig einleuchtend und die einzig mögliche Variante.
Da dämmert es mir, dass es wahrscheinlich genau so ist. Die einzig mögliche Variante. Hanh hat es geschafft, in Deutschland eine Existenz zu gründen, ihre Töchter besuchen deutsche Kindergärten bei uns im Ort, und einige Teile ihrer Verwandtschaft sind inzwischen nachgekommen. Doch zu aller erst bedeutete das, dass sie ihr Kind ein ganzes Jahr nicht sehen konnte. Sie hätte zuhause bleiben können, ihre Tochter hüten und alle weiteren Kinder, die da noch gekommen wären. Frei nach dem bei uns verbreiteten Gedanken, dass das Beste für ein Kind schließlich sei, bei der Mutter zu sein. Doch sie hat sich dafür entschieden, den harten Weg zu wählen, um ihren Töchtern eine bessere Zukunft in Deutschland bieten zu können. Und nicht zuletzt hat sie völlig selbstlos entschieden, dass es das Beste für ihr Kind wäre, in der Heimat bei der Verwandtschaft zu bleiben. Ohne sie. Bis sie so weit war, ihrer Tochter ein kinder-würdiges Leben in Deutschland bieten zu können.
Das ist doch wahre Mutterliebe – nur anders.

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2 Kommentare zu „Mutterliebe anders

  1. Unvorstellbar wäre das für mich! Doch kann man sich die Situation einfach nicht vorstellen. Aber wie du sagst, Mutterliebe anders. Wahre Mutterliebe, denn das ist ein riesen Opfer, was sie da gebracht hat, nur um ihre Kinder und Familie in Deutschland gut versorgen zu können. Liebe Grüße!!

    1. Genau, im ersten Moment dachte ich ja auch „was ist denn das für eine Mutter, die ihr Kind ein Jahr lang zurück lässt…“ Man fällt so schnell ein Urteil. Im Endeffekt war es aber wohl die größere Liebe, das zu tun.

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