Zauber und Staub

Geschenke-Wahn

Emma ist ein Trennungskind. Dafür kann sie nun wirklich nix. Also kann sie auch nichts dafür, dass sie seit ihrem 2. Geburtstag praktisch mit Geschenken überhäuft wird. 4 Eltern, 7 Großeltern – jeder kann sich selbst ausrechnen, was da an Adventskalendern, Nikolaus-Tüten, Weihnachtsgeschenken, Geburtstagsgeschenken und „Einfach-so-Mitbringseln“ zusammen kommt.
Gerade jetzt im Dezember – heute ist Nikolaustag – ist es wieder extrem. Bei Papa und seiner Freundin kommen ganz gern mal DVDs und Bücher aus dem Adventskalender, dagegen sind meine Kleinigkeiten wie Stifte oder Pferde-Tattoos ja richtig öde. Nicht auszudenken, wie enttäuscht sie wäre, wenn ich ihr nur mit einem Schoko-Adventskalender käme!
Aber die Erwartungen sind auch unter dem Jahr ziemlich hoch. Wenn Johannas Oma zu Besuch kommt, fragt sich Emma schon im Vorfeld laut, was sie ihr wohl dieses Mal mitbringen wird. Und wenn sie nichts mitbringt (was selten genug vorkommt), ist sie ehrlich enttäuscht.
Emma freut sich immer. Weil sie weiß, dass sie sich freuen muss. Sie freut sich schnell, laut und pflichtbewusst, bevor sie das eine Geschenk zur Seite legt und das nächste auspackt. Ich als Mutter ertappe mich dabei, dass ich persönlich gekränkt bin, wenn sie meine liebevoll ausgewählte Gabe in meinen Augen nicht richtig würdigt. Wenn diese nach einem kurzen „Ah und Oh“ zur Seite gelegt wird. Und da oftmals nach 2 Tagen noch liegt. Dabei kann sie doch nichts dafür. Sie ist es nicht anders gewohnt.
Emma wird im Januar 8 Jahre alt. Die Wünsche werden immer größer und immer teurer. Sie alle zu erfüllen, würde das Budget sprengen und meinen Ansichten zu guter Erziehung widersprechen. Wünsche müssen auch unerfüllt bleiben. Das Kind muss lernen, dass es nicht alles bekommt, was es will!
Wie nun aber kann ich meinem Kind das beibringen? Wie schaffe ich den Spagat zwischen Wunscherfüllung (jede Mutter will ihr Kind glücklich sehen) und lehrreicher Wunsch-Nichterfüllung? Mal ganz zu Schweigen davon, dass alle anderen (Papa, dessen Freundin und mindestens 5 der 7 Großeltern) diese Absicht sowieso sabotieren werden…
Ich erinnere mich an das ein oder andere Weihnachten, an dem es für jedes Kind nur ein Geschenk gab. Maximal zwei. Zu Nikolaus gab es Süßigkeiten, vielleicht Socken oder Haargummis, Mandarinen und Nüsse. Haben wir uns deshalb weniger gefreut? Wir waren eben 5 Kinder daheim. Und nur ein Elternteil hat gearbeitet. Das Geld war öfters mal ziemlich knapp. Haben wir uns nicht erst recht um so mehr gefreut, wenn ein lang gehegter Herzenswunsch dann doch endlich und völlig unerwartet in Erfüllung ging?
Emma ist Halb-Einzelkind. Es wird – höchstwahrscheinlich – nie der Fall eintreten, dass nicht genügend Geld für Geburtstags-/Weihnachts- oder sonstige Geschenke für sie da ist. Sie wächst wohlbehütet, um nicht zu sagen wohl-habend auf. Wie kann sie trotzdem lernen, Geschenke zu würdigen? Sich auch über Kleinigkeiten zu freuen? Wie kann ich vermeiden, dass sie eine verwöhnte Göre wird? Denn das ist es schließlich, worauf es am Ende hinauslaufen würde.
So ganz kann ich mir diese Fragen im Moment nicht beantworten. Sonst würde ich sie vermutlich nicht stellen. Es schwingt einfach zu viel mit bei diesem Thema, nicht zuletzt die niemals ausgesprochene, aber stetig vorhandene Konkurrenz zwischen zwei geschiedenen Elternteilen (bzw. deren Partnern), das Buhlen um die Liebe und Anerkennung des Kindes – sagen wir es doch einfach mal so.
Aber ich denke, mein Kurs wird so ein bisschen in die Richtung „Zeit ist mehr wert, als Geschenke“ gehen. Denn wenn sie mal erwachsen ist, erinnert sie sich sicher nicht mehr an die Meerjungfrauenflosse (120 Euro), die es 2016 zu Weihnachten gab (nicht!).
Dass sie aber mit Mama vor Weihnachten immer Plätzchen gebacken und das Haus geschmückt hat – daran wird sie sich erinnern. Für immer.
Und vielleicht packen wir gemeinsam ein Paket für die Spendenaktion meines Arbeitgebers. Ein kleines Weihnachtsgeschenk für ein Kind, das höchstwahrscheinlich nur dieses eine bekommen wird – und sonst nichts.

 

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