Zauber und Staub

Halloween? Nein, danke.

Feierabend. Ich sitze gerade seit 5 Minuten auf dem Sofa und strecke die Beine aus. Da höre ich ein leises Tapsen und Schluchzen und Emma kommt die Treppe herunter geschlichen. „Mamaaa“ schluchzt sie „ich kann nicht einschlafen! Ich hab nur schlimme Gedanken im Kopf!“
Ich stehe auf, lege den Arm um sie und bugsiere sie postwendend wieder die Treppe nach oben. „Was für schlimme Gedanken denn?“ „Ich weiß auch nicht!“ (das ist Emma-Deutsch für „Ich will es dir nicht sagen, es ist mir peinlich!“) Ich bringe sie zurück ins Bett, decke sie zu und setze mich neben sie. Sie schluchzt immer noch. Ich streiche ihr über den Kopf. „Komm schon, erzähl es mir. Dann ist es besser. Das ist wie mit den schlechten Träumen, wenn man sie jemandem erzählt, sind sie weg.“ Schluchz. Das Kind ringt mit sich. Dann bricht es aus ihr hervor: „Die Jungs in meiner Klasse erzählen immer von so Killer-Clowns. Die laufen rum und haben eine Säge oder ein Messer und erschrecken Kinder damit. Und manchen tun sie auch weh!“ „Ach das.“ denke ich, und mir läuft ein kleiner Schauer über den Rücken. Im Prinzip war es eine Frage der Zeit, bis Emma das irgendwo aufschnappt. Anscheinend gibt es aktuell Leute Idioten, auch in unserer näheren Umgebung, die es tierisch lustig finden, Passanten und auch Kinder zu Tode zu erschrecken. Oder es gibt zumindest Leute Idioten, die es tierisch lustig finden, solche Schauergeschichten zu erfinden und über entsprechende Käseblättchen in Umlauf zu bringen. „Aber Schatz, die gibt es nicht bei uns.“ Ich versuche völlig überzeugend zu klingen. „Das sind nur dumme Jungs, die anderen einen Schrecken einjagen wollen. Genau so wie die Jungs aus deiner Klasse, die erzählen das doch nur, um euch einen Schrecken einzujagen!“ Emma ist nicht überzeugt. „Nein Mama, das stimmt! Der Pascal hat das im Radio gehört!“ Ich merke, dass hier nichts zu machen ist, und versuche es mit Ablenkung. Nach einigen weiteren Minuten, Gesprächen über den anstehenden Kindergeburtstag einer Freundin und ihre letzte Reitstunde, hat Emma sich beruhigt und lässt mich wieder nach unten gehen.
„Solche Idioten!“ denke ich bei mir. Mich schaudert es auch bei dem Gedanken. Einer der Vorfälle fand tatsächlich keine 10 km entfernt in einem Nachbarort statt. Oder zumindest hat das irgendjemand gegenüber der Polizei behauptet.
Instinktiv lasse ich alle Rollläden im EG herunter und grusele mich bei dem Gedanken, mir könnte nachts eine Clownsfratze aus dem Garten entgegenstarren.
„Ach, spätestens nach Halloween ist das eh wieder vorbei!“ meint Simon, und sieht nicht einmal vom Laptop auf, als ich ihm von Emmas Furcht erzähle. Ach ja. In wenigen Tagen ist Halloween. Richtig. Dieses „Fest“ der Abscheulichkeiten. Ich hasse es. Von der grauseligen Herkunft und der Tatsache, dass Halloween überhaupt nicht zu unserer Kultur gehört, mal ganz zu schweigen, habe noch nie verstanden, warum man sich freiwillig verkleidet, als wäre man eben einem Sarg entstiegen, oder überfahren worden (bzw. in der Reihenfolge) und damit im Zweifelsfall auch Kinder erschrickt.
Kinder, die von ihren Eltern(?) abends(!) losgeschickt werden, um bei Fremden(!) an der Tür zu klingeln und um Süßigkeiten zu betteln? Die selben Kinder, die sonst von ihren Eltern die 700 Meter zur Schule gefahren und wieder abgeholt werden, damit sie ja kein Fremder anspricht, um ihnen Süßigkeiten anzubieten…
Hä?!
Abgesehen davon habe ich sowieso noch nie verstanden, warum irgendwer sich freiweillig etwas furchteinflösendes oder ekelhaftes (Zombies, Hexen, Vampire, Unfallopfer, Gewaltorgien) anschaut und dabei Spaß empfindet. Wieso meine Seele unnötig belasten? Der Satz mag abgedroschen sein – aber: Passiert nicht so schon genug unfassbar Ekelhaftes und Furchtbares in der Welt? Ich brauche keine Horrorfilme. Keine Hype-Serien mit absurd übertriebenen Gewalt-Darstellungen. Keine Schock-Videos auf YouTube. Kein Halloween.

„Und, hast du was schönes geträumt?“ frage ich Emma, als sie verschlafen und zerzaust zum Frühstückstisch kommt. „Ja, hab‘ ich!“ strahlt sie. Dann fällt ihr offensichtlich wieder ein, warum ich das frage. „Mama gell, hier gibt es die Clowns nicht?“ „Nein Schatz. Und spätestens nächste Woche, wenn Halloween vorbei ist, dann wird es die gar nirgends mehr geben.“ „Nächste Woche ist Halloween?“ die Furcht steht ihr wieder im Gesicht. „Ich mag Halloween nicht, Mama.“
„Ich auch nicht. Deshalb machen wir es uns ganz gemütlich. Machen alle Rollläden zu, stellen die Klingel ab und machen einfach nicht mit!“

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