Zauber und Staub

112

Ich habe noch nie die Feuerwehr rufen müssen. Bis jetzt. Ob das wirklich funktioniert? 1 -1-2……“Feuerwehrleitstelle, Hallo?“ Da war doch mal was, man hat das in der Schule gelernt und im Erste-Hilfe-Kurs, irgendwas mit drei „W“… Was, wo, wieviele Verletzte oder so? Keinen Plan. „Hallo. Mein Baby ist in der Wohnung und ich komm‘ nicht rein, der Schlüssel steckt von innen und ich hab‘ mich ausgesperrt… Können Sie kommen?“ schluchze ich aufgelöst in den Hörer. In dem Satz kam maximal ein „W“ vor und das sicher an der falschen Stelle. Meine Nachbarn stehen um mich herum und machen besorgte Gesichter. „Ja wollen Sie nicht einen Schlüsseldienst…“ fragt der Herr am anderen Ende der Notruf-Leitung. „Hatte ich vor!“ unterbreche ich ihn. „Ich habe 3 Schlüsseldienste angerufen, die sagen alle, sie brauchen mindestens 30 bis 45 Minuten, mein Baby ist erst 6 Monate, die haben gesagt, ich soll die Feuerwehr rufen!“ „Ja haben Sie nirgends einen Zweitschlüssel…“ „Ich habe einen Schlüssel!“ kreische ich, und verkneife mir das Sie Idiot, „der nützt mir aber nichts, wenn ein anderer von innen steckt!“ „Aha. Wie alt ist das Kind?“ Sie ist 18 und nur zu faul um zur Tür zu gehen… „6 Monate.“ „Gut. Ich schicke jemanden, kann Ihnen aber nicht sagen, was da an Kosten auf Sie zukommt!“ Ist mir doch egal verdammt. Er nimmt die Daten auf und verspricht nochmal, „jemanden“ zu schicken. 

Ich gehe heulend in der Wohnung meiner Nachbarn auf und ab. Mir ist selbst nicht ganz klar, warum ich so hysterisch bin. Das muss dieses Mutterinstinkt-Dingens sein. Es ist ja nicht so, dass Johanna schreiend in der Wohnung liegen würde – sie schläft. Aber wer weiß, wie lange, und dann? Der Gedanke an mein armes kleines Baby, das ganz allein in der Wohnung aufwacht und nicht versteht, warum die Mama nicht kommt, lässt mich erneut in Tränen ausbrechen. Der Ärger über die eigene Schusseligkeit und die Scham vor den Nachbarn tun ihr übriges. Ich hoffe inständig, dass kein Großaufgebot der Feuerwehr mit Sirene in unsere kleine Straße fährt, da höre ich sie auch schon. Die Sirene. Man, ist das unangenehm. Die Feuerwehr fährt tatsächlich mit einem riesen Löschzug und Blaulicht vor, gefühlt 17 Mann springen aus dem Wagen. Denen ist auch langweilig am Sonntagmorgen,  denke ich kurz bei mir, dann haste ich ihnen entgegen. Letztendlich sind es doch nur 5 Feuerwehrmänner, die sich in voller Montur vor meiner Wohnungstür  drängen. „Sie haben nicht zufällig irgendwo ein Fenster offen, oder eine Balkontür?“ „Äh nein. Sonst hätte ich Sie wohl kaum gerufen, eine Leiter haben meine Nachbarn nämlich auch.“ Immerhin sind die Herren allesamt gut gelaunt und überaus freundlich. Fast tut es mir ein bisschen leid, dass ich ihnen nur eine verschlossene Tür und kein richtiges Feuer oder zumindest eine Überschwemmung bieten kann. „Gib mal den Schraubenzieher!“ kommandiert einer der beiden Älteren. „Mach‘ die Gummidichtung raus!“ „Willst du es nicht erst auf die Einbrecher-Tour versuchen? Mit der Scheckkarte?“ 

Tatsächlich ist die Tür innerhalb von Sekunden mit einer Scheckkarte geöffnet. (Ich werde in Zukunft wirklich immer abschließen, wenn ich die Wohnung verlasse!) „So. Das hätten wir.“ Der Hauptmann – oder was auch immer, zumindest wirkt er, als sei er der Chef der Truppe – erklärt mir noch, dass gleich die Polizei vorbei kommen würde, wegen des Berichts, dass ich vermutlich aber nichts bezahlen müsse, da das ja offensichtlich eine Notsituation gewesen sei. Er erkundigt sich nach meinem Befinden, ob ich einen Arzt bräuchte (eher einen Schnaps!) oder sie sonst noch irgend etwas tun könnten, dann sind sie weg, so schnell, wie sie gekommen sind. 

Ich muss wirklich schlimm aussehen, denn auch die beiden Polizisten fragen mich mehrmals, ob ich einen Arzt bräuchte. Ich verneine vehement, wenn auch immernoch schluchzend und verspreche, mich nochmal zu melden, falls ich nicht klar käme. Es dauert noch mindestens eine halbe Stunde und ein Telefonat mit Mutti (in solchen Situationen rufen wir immer Mutti an, oder?) bis ich mich einigermaßen beruhige. 

Johanna hat von der ganzen Aufregung nichts mitbekommen. Sie strahlt mich an und hat keine Ahnung, dass ich ihr gerade gefühlt das Leben gerettet habe. 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s