Zauber und Staub

Leise atmen! Das Kind schläft!

Kinder verändern Dich. Keine Frage.
Wir alle kennen diese vormals hippen und lockeren Pärchen, die mit Ankunft des Nachwuchses zu dauer-müden, dauer-gestressten, unlockeren Spaßbremsen werden. Treffen sind nur noch nach 15:30 und vor 19 Uhr möglich, damit das Baby nicht beim Mittagsschlaf gestört wird und rechtzeitig in seine Abendroutine findet.

Hat man dann tatsächlich mal einen Termin für einen Besuch gefunden, sich kurzfristig an’s Kind angepasst („er schläft noch. Könnt ihr etwas später kommen? Und bitte nicht klingeln!“), dann stolpert man auf dem Weg von der Wohnungstür zur Couch über eine ganze Wagenladung Spielsachen („Sorry, hatten keine Zeit zum Auftäumen“). Eine Unterhaltung ist im Prinzip nicht möglich, weil der Nachwuchs sich permanent in den Vordergrund drängt, Kuchen gibt es auch keinen („Der Jonathan will sonst immer was davon ab haben und macht ein furchtbares Theater!“) und Alkohol erst recht nicht („ich kann es ihm einfach nicht abgewöhnen, er schläft nur an der Brust ein!“) und somit ist man eigentlich ganz froh, dass solche Dates auf zweieinhalb Stunden begrenzt sind.
Was tut man nicht alles, um alte Freundschaften am Leben zu erhalten, oder es zumindest zu versuchen… Jedenfalls war ich überzeugt, dass kein Kind auf der Welt mich dazu bringen könnte, zu einer derart unangenehmen Eltern-Version zu mutieren. So jemand, bei dem man den Reißverschluss der Jacke am besten gar nicht aufmacht „um’s Kind nicht zu wecken.“ Niemals. Niemals würde ich so sein.

Und Emma war der beste Beweis – man kann ein Kind bekommen und trotzdem in gewissem Maße cool und locker bleiben. Natürlich waren die ersten Monate anstrengend, aber so nach einem halben Jahr konnten wir wieder auf Geburtstagsfeiern gehen, Emma schlief einfach überall irgendwann ein. Und wenn sie schlief, dann schlief sie – da konnte um sie herum das Haus zusammenbrechen. (Was übrigens auch geschickt ist, wenn man zu dritt in einem Zimmer Urlaub macht 😉). Ich hatte also genügend Grund, um über oben genannte Eltern-Zombies weiterhin verständnislos den Kopf zu schütteln. „Macht euch mal locker. Kein Wunder ist das Kind so anstrengend, wenn ihr so verkrampft seit…“ Schließlich weiß jeder, dass sich der eigene Stress auf das Baby überträgt.
Sowas sagt man natürlich niemanden direkt ins Gesicht. Aber man denkt es.

Und dann kam Johanna.
Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten. Sie schläft nur im dunklen Zimmer bei absoluter Ruhe. Sie wacht von jedem Geräusch auf. Und wenn sie das tut, brüllt sie meistens. Sie brüllt auch, bis sie eingeschlafen ist. Hat sie es dann geschafft, schleichen wir alle auf Zehenspitzen durch die Wohnung. Man darf nur noch die Toilette benutzen, die nicht neben ihrem Zimmer ist… Und nachts ist es verboten, die Klospülung zu betätigen. Das Ausräumen der Spülmaschine muss genau so warten, wie Emma, die im Zimmer nebenan eigentlich gerne Musik hören würde. „Pssst, nicht jetzt, Johanna schläft!“ Und ja, ich habe auch schon SMS an nahenden Besuch geschickt: „bitte nicht klingeln, Johanna schläft!“

Ich wollte nie, nie, niemals so werden. Doch das Universum kennt kein „nicht“. Ich bin die selbe Mutter… Ich habe die selben Methoden, doch das 2. Kind funktioniert einfach nicht, wie das erste. (Muss am anderen Vater liegen 😜)

„Sie muss lernen, dass du der Chef bist, nicht sie!“
„Entspann‘ dich mal, dann wird sie sich auch entspannen, wirst sehen!“
„Sie muss lernen, sich anzupassen, schließlich ist sie nicht der Mittelpunkt, sondern nur ein weiteres Familienmitglied!“
Sprüche, die bis vor kurzem noch zu meinem eigenen Repertoire gehörten, lösen bei mir jetzt nur noch Brechreiz aus.

Ihr. Habt. Doch. Keine. Ahnung!

In Demut entschuldige ich mich innerlich bei all den Eltern-Zombies, auf die ich herabgeschaut hatte.
Ich bin jetzt eine von ihnen.

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