Zauber und Staub

Spieglein, Spieglein…

„Mama, ich werde ab jetzt auf meine Schokolade nach dem Abendessen verzichten.“ verkündet Emma bedeutungsschwer. „Echt? Wie kommt das?“ Seit einiger Zeit ist es zur Gewohnheit geworden, dass sie nach verspeistem Salamibrot oder ähnlichem noch einen kleinen Nachtisch essen darf. Ein Schokobon, ein paar Smarties, ein Maoam, so in der Größenordnung. Und eigentlich war das bisher immer ihr Highlight am Abendessen. „Also, wie kommst du darauf?“ stochere ich, nichts Gutes ahnend. „Einfach so. Weil ich darauf jetzt verzichten werde.“ Dieses Wort – verzichten – aus ihrem Mund, das klingt wie die reine Selbstkasteiung. Ich kenne mein Kind. „Emma. Was ist los.“ „Nichts.“ „Hat jemand was blödes zu dir gesagt?“ Sie senkt den Blick. „Nein.“ Pause. „Nur die Julie, die hat gestern im Streit zu mir gesagt, ich bin fett.“

Aha. Also doch. „So ein Blödsinn. Das hat sie sicher nicht so gemeint!“ versuche ich zu beschwichtigen. Emma gibt sich Mühe, nicht in Tränen auszubrechen. „Doch hat sie. Und deshalb verzichte ich jetzt auf meinen Nachtisch!“ Ich nehme sie in den Arm und bestätige ihr nochmal, dass es völliger Blödsinn sei, was Julie da gesagt habe, dass sie wunderschön, schlank und genau richtig sei. Aber innerlich braut sich eine Sorgen-Wolke zusammen. Oh je – fängt das jetzt schon an!  Emma ist fast 7 und sicherlich nicht fett. Nicht mal pummelig. Sie ist ziemlich groß für ihr Alter, und sportlich. Sie reitet, macht Ballett, ist keine zerbrechliche Elfe, und im Vergleich mit ihrer eher zu-kleinen und zu-dünnen Klassenkameradin eben größer und breiter – aber ganz sicher nicht dick. Doch ich kann ihren Schmerz so gut nachvollziehen. Ich war immer (bis heute 😉) größer und meistens auch „breiter“ als die meisten meiner Freundinnen, im Teeny-Alter dann auch etwas pummelig, und ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn einen jemand „fett“ nennt. Ich weiß auch, wie es sich anfühlt, wenn die Mutter einen regelmäßig beim Essen zügelt. Eine Scheibe Brot würde schließlich auch reichen. Ich könne ja noch einen Apfel essen. Und ich gebe zu – in letzter Zeit dachte ich auch öfter, dass Emma ganz schön reinhaut beim Essen und dass ihre geliebten Jeggings vielleicht hier und da doch etwas zu eng seien. (Was Quatsch ist. Sie ist in den letzten 4 Wochen gefühlt 10 cm gewachsen und braucht einfach neue Klamotten.) Aber wir Mütter übertragen immer, bewusst oder unbewusst, unsere eigenen Erfahrungen, Wünsche und Sorgen auf unsere Töchter. Ich will meiner Tochter unbedingt ersparen, die Schulzeit als pummeliges Mädchen ertragen zu müssen – weil ich es musste. Und es war nicht schön.

Ich entscheide mich, das Thema ernst zu nehmen und nicht unter den Teppich zu kehren. Denn ein „ach stimmt doch gar nicht! Nimm noch einen Keks!“ hilft leider kein Bisschen. „Du bist einen ganzen Kopf größer, als Julie. Und auch schwerer. Aber du bist ganz sicher nicht fett. Das hat sie nur gesagt, weil sie sauer auf dich war und dir eins auswischen wollte.“ Ein müdes Achselzucken. „Ja kann sein.“ „Aber niemand zwingt dich, Süßigkeiten zu essen. Wenn du das nicht möchtest, läßt du es einfach bleiben? Okay?“ Sie schnieft. „Okay“. „Und übrigens,“ füge ich hinzu, „du hast die tollsten Haare, die man haben kann, auf die bin sogar ich neidisch – und die Julie sicher auch!“ Mein Kind lächelt wieder. „Ja, die Julie hat voll dünne und voll kurze Haare. Das sag ich nächstes mal zu ihr, wenn sie gemein zu mir ist!“

Dünn sein ist eben auch nicht alles. ☺️

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