Zauber und Staub

Kinderarzt für Mütter

Er öffnet geräuschvoll die Tür, und lässt sich dann gespielt außer Atem von innen gegen selbige fallen. „Meine Güte. Das darf nicht wahr sein!“ schnauft er. „Jetzt mussten Sie schon wieder so lange warten, das ist mir wirklich unangenehm! Können Sie nicht mal gleich morgens kommen? Da sind wir noch nicht so in Verzug… den nächsten Termin gebe ich Ihnen selbst…“ Ob er sich wirklich daran erinnert, dass ich mit Johanna vor vier Wochen schon mal 45 Minuten auf eine Impfung gewartet habe, oder ob er diese Show bei jedem Patienten vorführt, ist mir in diesem Moment völlig egal. Vergessen sind auch die 40 Minuten, die ich ein nackiges Baby („ziehen Sie sie schon mal aus, der Herr Doktor kommt dann gleich!“) bei Laune gehalten habe. Denn wer könnte angesichts dieses bubenhaft hilflosen Lächelns ernsthaft böse sein. „Aber jetzt hab ich Zeit für Sie. Alle Zeit der Welt!“ blitzt er mich an. „Hätten Sie dann auch einen Kaffee?“ gebe ich zwinkernd zurück. Ich flirte. Im Ernst. Mit dem Kinderarzt.

Gut, in einer anderen Umgebung wäre das gar nicht so außergewöhnlich, denn er ist ungefähr Mitte 30, sportlicher Typ, in Jeans und weißem Polo, statt im Kittel, mit nike-Turnschuhen statt Birkenstock, mit gekonnt zerzauster Frisur  und Dreitagebart statt dem Kinderarzt-typischen spärlichen Haarwuchses. Um es kurz zu machen: Johanna’s und Emma’s Kinderarzt ist heiß. Seit er die Praxis seines Vaters übernommen hat, gehe ich deutlich lieber dort hin, als zuvor. Und auch meine Mädels finden ihn super. Emma meint, er sei ganz cool. Und  Johanna fängt beim bloßen Klang seiner Stimme an zu lächeln und schäkert dann mit ihrer Mutter um die Wette.

Dennoch schäme ich mich ein bisschen. „So weit ist es also gekommen, dass du den Kinderarzt angraben musst… Jämmerlich!“ lästert meine innere Stimme. Ich grabe ihn ja nicht an. Ich flirte nur ein bisschen. Das ist gut für’s Ego und für’s Gemüt – und mit wem soll ich den sonst bitte noch flirten? Dem Postboten? Der ist nicht mein Typ. Beim Bäcker und in der Apotheke gibt es nur weibliche Verkäuferinnen… Und arg viel mehr unter Leute komme ich zur Zeit schließlich nicht. Also. DAS ist vielleicht jämmerlich.

„Nehmen Sie sie mal auf den Arm, ich höre noch ihren Rücken ab.“ Dabei berührt seine Hand die meine und sein Gesicht ist ungefähr 20 cm von meinem entfernt. Ob er das bei allen Müttern… und Vätern…? Ist doch egal. Mir ist es jedenfalls lieber, dass in dem Moment ein attraktiver, junger Kinderarzt da steht, und kein 65-jähriger, kahler Opi.

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