Zauber und Staub

Tu’s nicht!

Liebes Ich der Zukunft, 

Ich schreibe Dir heute, weil ich Dich kenne. Du bist ein Meister der Verdrängung – ist auch gar nicht Deine Schuld, die Natur hat das so vorgesehen. Wäre die Verdrängung nicht, würde es wohl kaum Familien mit mehr als einem Kind geben. Oder mehr als zwei Kindern. Und weil ich das weiß, ermahne ich Dich: Tu’s nicht. 

Du denkst vielleicht „ach, nochmal sowas kleines wäre schon schön…“ Ich sage Dir: ist es nicht. Es ist unerträglich anstrengend. Seit 4 Monaten freue ich mich jeden Abend, wenn ich für ein kurzes Weilchen in mein Bett darf. Aber ich weiß nie, wie lang es sein wird. 3 Stunden? Eine Stunde? Eine halbe? Ich bin permanent müde. Auf eine halbwegs gute Nacht folgt mit Sicherheit mindestens eine schlechte. Oder drei. Mein Rücken schmerzt, weil ich 16 Stunden am Tag ein Baby durch die Gegend trage – ich nehme an, dass auch Dir in der Zukunft kein Beutel gewachsen sein wird. Und rede Dir nicht ein, dass das nächste sicher gern in seinem Bett oder im Kinderwagen schlafen wird! Wieso sollte das nächste einfacher sein, als das jetzige? Meine Füße schmerzen, weil ich Kilometer in der Wohnung zurücklege… Nur damit das Baby einschläft. Oder weiter schläft. Oder einfach nicht schreit. 

Die Zeit, die ich zu zweit mit Simon verbringe, geht gegen null. Wenn man gemeinsam Zähneputzen mitrechnet. Wir gehen getrennt ins Bett und stehen getrennt auf – er verbringt den Abend auf der Couch, ich im Kinderzimmer mit einem zappeligen Baby. Ich hoffe ernsthaft, dass unsere Beziehung das erste Jahr mit Baby überlebt. Essen gehen? Kino? Freunde besuchen? Sich einfach nur mal eine halbe Stunde in Ruhe unterhalten? All das scheint in unerreichbare Ferne gerückt zu sein.

Du denkst vielleicht, „jetzt ist Emma ja schon älter und braucht weniger Aufmerksamkeit.“ Genau. Und dieses bisschen mehr an Freiheit machst Du Dir mit einem weiteren Kind wieder für Jahre kaputt. Tu’s nicht.

Du sagst, du wollest immer mehrere Kinder haben. Und jetzt hättest du ja eigentlich nur zwei Einzelkinder. Ich sage Dir: Zwei sind optimal. Eins für Mama, eins für Papa, keins ist übrig. Sie passen in jedes Auto und in eine bezahlbare Wohnung, jede hat ihre eigene Oma, und ihren eigenen Papa. Kann es besser sein? Kann es nicht. 

Ich beneide dich schon jetzt um die Freiheit, die du in zwei oder drei Jahren haben wirst. Ich hoffe für Dich, dass Johanna durchschläft und sich zu einem goldigen Kleinkind entwickelt hat. Dass Emma allein ihren Schulweg meistert und ihre Freizeit am Liebsten mit Freundinnen verbringt. Solltest Du dich irgendwie nicht mehr ausgelastet fühlen, such‘ Dir ein Hobby. Oder schreib‘ ein Buch. Denn ein weiteres Kind ist keine gute Idee. Glaub’s mir. Ich mein’s ernst. 

Deine völlig erschöpfte Anne im Dezember 2015

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