Zauber und Staub

Black or White

Ich habe eine Schwester. Der Mann meiner Schwester ist – nun, wie drücke ich das jetzt wieder politisch korrekt aus – sei’s drum. Er ist schwarz. Sagen wir es einfach, wie es ist.
Seit die beiden zusammen sind, erfahre ich die erstaunlichsten Geschichten zum Thema Hautfarbe. Wenn ich es nicht selbst erleben würde – ich würde nicht glauben, dass Menschen heute noch so denken und handeln.
Ein Beispiel gefällig? David wird – und das allein ist eigentlich schon eine Frechheit – regelmäßig gefragt, wo er denn her kommt. (Wurden Sie in Ihrer gewohnten Umgebung schon mal gefragt, wo Sie herkommen?) Seine mittlerweile automatisierte Antwort lautet: „Aus Hessen.“ Doch dabei bleibt es in den seltensten Fällen. „Nein. Wo kommen Sie ursprünglich her?!“ Und selbst wenn er dann ausführlich erklärt, dass er Deutscher ist, seine Eltern ursprünglich mal aus dem Kongo kamen, aber schon Jahre vor seiner Geburt in Deutschland gelebt haben, lautet die nächste Frage: „Ja und wann gehen Sie zurück?“

Nun haben meine Schwester und ihr Mann ein Kind. Und Hannah ist – weiß.
Nicht Schoko, nicht Milchkaffee, nicht mal Latte Macchiato. Und auch wenn jeder in der Schule vom lieben Herrn Mendel gelernt haben sollte, dass das völlig natürlich ist, zumal, wenn sich irgendwo bei den Ur-Ur-Ur-Ahnen ein belgischer Kolonialherr in den kongolesischen Stammbaum eingemischt hat, ist meine Schwester seit der Geburt ihrer Tochter mit einem nicht enden wollenden Katalog von Unverschämtheiten konfrontiert.
„Ach schade. Naja. Vielleicht klappt’s beim nächsten Mal mit dem Schokobaby!“
„Da muss sich dein Mann deiner Treue aber seeeehr sicher sein…. wobei. Die Nase könnte von ihm sein!“
„Vielleicht wird’s ja noch? Geh‘ doch mal ein bisschen mit ihr in die Sonne!“ … um nur einige zu zitieren. Da werden sich Sorgen gemacht, dass dem Kind ja mal niemand glaubt, dass sein Vater wirklich sein Vater ist, und was wohl die kongolesischen Großeltern zu diesem hellen Spross sagen.
Da verschlägt es einem wirklich die Sprache.
Mittlerweile ist meine Schwester dazu übergegangen, derartige Kommentare mit Sätzen wie „Ach, ich bin eigentlich ganz zufrieden mit meinem Kind.“ oder „Ich hab ja meinen Mann nicht NUR wegen der Hautfarbe geheiratet…“ zu kontern. Was bleibt einem auch anderes übrig.
Aber ich weiß, dass es sie ankotzt. Dass sie am liebsten jedes Mal ausflippen würde. Dabei war sie sicher selbst genau so überrascht, wie alle anderen. Oder so überrascht, wie ich bin, dass Johanna hell-blaue Augen hat, obwohl Simon und ich beide braune haben. Aber würde sich jemand trauen, mir deshalb Untreue nachzusagen?
Hautfarbe bleibt Hautfarbe bleibt Hautfarbe. Wie Haarfarbe. Oder Augenfarbe. Oder Sommersprossen. Oder Grübchen. Oder alles andere, was ein Kind von seinen Eltern haben, oder eben nicht haben kann.
Hannah zum Beispiel ist das fröhlichste Baby das ich kenne. Sie lacht eigentlich immer. Selbst Menschen, die sie nicht kennt, begrüßt sie mit einem frechen Grinsen bis zu beiden Ohren. Die hat sie übrigens eindeutig von ihrem Vater.

 

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