Zauber und Staub

Von Löwenmüttern und blöden Ziegen

Heute war es so weit.
Ich ertappte mich dabei, wie ich darüber nachdachte, was ich tun müsse, um das alleinige Sorgerecht für Emma zu beantragen und wie hoch wohl meine Chancen wären. Was meine Vorteile und Nachteile wären, wenn Emma’s Papa nur noch ausgehandelte „Besuchszeiten“ hätte. Und ihr zuhause bei mir – und nur bei mir – wäre.
Wie konnte es dazu kommen? Schließlich könnte man über unsere Trennung einen Artikel bei Wikipedia verfassen. Titel: „Harmonische Trennung / Scheidung mit Kind“. Gemeinsames Sorgerecht. 4 Nächte hier, 3 Nächte da. Alle Kindergartenferien gleichmäßig aufgeteilt – wir regeln das alles, wie im Bilderbuch. So harmonisch, dass sich jeder fragt, wieso wir uns eigentlich getrennt haben. Aber das ist ein anderes Kapitel.
Doch in den letzten 3 Wochen hat sich etwas verändert. Es gibt „die Neue“.
Nicht, dass ich irgend ein Recht hätte, mich aufzuführen, schließlich habe ich schon seit fast 8 Monaten wieder eine Beziehung. Oh ja, ich bin mir meiner Pflicht zur Toleranz minütlich bewusst.
Aber.
Es ist die Art. Die Art, wie ich davon erfahren habe – als Emma’s Vater plötzlich die Nummer der Scheidungsanwältin wollte, um „mal nachzuhaken“ wieso das alles „so lang dauert“. Der widerwärtige Optimismus, mit dem er immer wieder betont hat, wie wichtig es ihm doch wäre, meinen Freund kennen zu lernen, und dass wir alle 4 in Zukunft….. uups, da war es ihm wohl rausgerutscht. „Was ist los, hast du ne neue Perle?“ „Hm.“ „Aha“.
Darauf hin folgten Tage des „Aus der Nase ziehen von Informationen“. Er wollte es mir einfach nicht erzählen. Nun gut – dachte ich – kindisch,  aber jedem das Seine – und habe das Thema einfach ignoriert.
Dann starb meine (Ex)Schwiegermutter. Völlig unerwartet, schockierend, Atem-raubend. Sie war für Emma eine der wichtigsten Bezugspersonen, und auch für mich selbst nach der Trennung immer da.Ich fuhr noch am selben Morgen zu Emma’s Papa und seiner Familie. Selbstverständlich. Ich gebe zu – im ersten Schock kam mir sogar der Gedanke, dass uns diese Situation vielleicht wieder…. Schockzustand. Eindeutig.

Und plötzlich war diese „Neue“ überall. Sie nistete sich die ganze Woche bis zur Beerdigung bei der Trauer-Familie ein.
„Stört es dich, wenn Emma die Sylvia doch jetzt schon kennen lernt?“ Äh… was soll ich dazu sagen, wenn ich weiß, dass sie eh da rum springt? „Ne, klar, kein Thema.“ (Wie lang seid ihr zusammen? 2 Wochen?)
2 Tage später, per sms, 10 Minuten bevor er Emma bei mir abliefern würde: „Du, ist es ok, wenn die Sylvia kurz mit rein kommt? Sie würde dich gern kennenlernen!“ ACH JA? ICH SIE ABER NICHT. „Ne, klar, kein Problem, macht ruhig.“
Und da stolzierte sie einfach bei mir in die Wohnung. Emma ganz aus dem Häuschen: „Mama, ich muss der Sylvia unbedingt mein Zimmer zeigen!“
Interessieren irgendwen die Details zu dieser Frau? Nein? Nur so viel: Glitzer-Parka und Latex-Leggins.
Der Höhepunkt war – ironischer weise – die Beerdigung meiner (Ex)Schwiegermama. Zum ersten mal, nach knapp 6 Jahren, betrat ich die Kirche, in der ich Emma’s Vater geheiratet hatte. (Den meisten der Trauergäste ging es ebenso) Das an sich ist schon eine Panikattacken-Stiuation.
Ich setzte mich brav in die zweite Reihe, mit „dem Enkel“ auf dem Schoß (meine Berechtigung, dort sitzen zu dürfen müssen.) Direkt neben den Sarg. Und wieder war die „Neue“ überall. In Latexleggins und 12-cm-Absätzen stöckelte sie permanent von rechts nach links, geschäftig wie eine Ameise, ganz nach Schwiegertochter-Manier – wobei, selbst für Schwiegertöchter gehört es sich, sich in Anwesenheit eine Sargs einfach nur zu setzen und still zu sein.
Nicht so Sylvia. Die Augen theatralisch tränen-verquollen (wie lang seid ihr zusammen? 2,5 Wochen?!) kümmerte sie sich um alles mögliche und unmögliche.
Ich kann nicht genau sagen, wieso ich mehr weinte – wegen des traurigen Verlustes meiner (Ex)Schwiegermama, oder dem offensichtlichen, plakativen „ÄTSCH“, das diese ganze Situation mir ins Gesicht schrie.
Oh mein Gott. Zum Glück wusste ich vor knapp 6 Jahren nicht, was alles auf mich zukommen würde.

Dem Höhepunkt folgten noch 2, 3 mehr oder minder plakative Situationen – bis ich heute, wieder per sms, die Anfrage erhielt, ob es okay wäre, wenn Emma’s Papa mit Emma (die gerade Pfingstferien hat und außerdem die letzten 4 Tage an einem Magen-Darm-Infekt litt, der wiederum dafür sorgte, dass die „Neue“ nachts um 11 mit Fencheltee und Zäpfchen (und Latexleggins) in meine Wohnung stöckelte) für „2, 3 Tage“ ins 400 km entfernte Köln (zu Sylvia) fahren würde.
Plong.
Ich hörte ihn glasklar.
Den Tropfen, der das Toleranz-Fach zum Überlaufen brachte.
Man kann das nicht rückgängig machen. Es sprudelte. Sprudelt noch.
Toleranz-Ass-me formulierte die höfliche Antwort „meinst du, das ist echt ne gute Idee, nachdem sie bis gestern gespuckt hat?“  – und letztendlich fahren sie auch gar nicht –
aber: Die Löwenmama hat die Krallen ausgefahren.
Und wer schon mal eine Tierdokumentation gesehen hat, weiß, was eine Löwenmama mit einer blöden Ziege macht, die ihrem Löwenbaby zu nahe kommt.

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Ein Kommentar zu „Von Löwenmüttern und blöden Ziegen

  1. Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Kraft für die Zeit, die vor dir liegt. Das klingt so daher gesagt, aber ich sitze hier jetzt schon ein paar Minuten, tippe, lösche, tippe, lösche… und irgendwie klingt doch alles hohl. Darum: was auch immer kommt: viel Kraft dafür! Und nimm deinen eigenen Partner auch mit in deine Gefühlsboot.

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