Zauber und Staub

In guten, wie in schlechten….

„Klinikum Innenstadt, was kann ich für Sie tun?“ Mein Herz droht aus meinem Hals zu springen. „Klingberg, hallo, können Sie mich auf die Intensivstation durchstellen? Mein Freund liegt da seit heute und ich würde gerne wissen…“ „Name bitte?“ „Simon Baumgärtner“ geschäftiges Murmeln und rascheln, tippen, dann wird der Hörer wieder aufgenommen. „In Ordnung. Ich stelle Sie durch auf die Intensiv.“
Ich fühle mich wie im Film, wie bei Grey’s Anatomy, nur dass die Gefühle echt sind. Simon wurde am Morgen operiert, eine geplante Operation, das schon, aber sie sollte um 12 Uhr mittags vorbei sein. Seit 13 Uhr rufe ich im Stundentakt auf seiner Station an. „Neeee, der is noch im OP.“… „Tut mir leid, da kann ich Ihnen keine Auskunft geben.“… „Laut Computer isser noch nich‘ wieder auf Station.“
Die Schwester, die sich tatsächlich mit „Schwester Maria“ meldet (ich dachte, so heißen nur Nonnen in Filmen) ist hörbar genervt von meinen Anrufen. Und ich bin wirklich kurz davor, Emma ins Auto zu packen und in die 100km entfernte Klinik zu fahren. Längst verschwunden sind all die Unsicherheiten, was Simon angeht. In diesem Moment gibt es für mich nichts Wichtigeres, als herauszufinden, ob er noch lebt und ob es ihm gut geht. Schon die letzten Tage waren sehr emotional und haben uns irgendwie enger zusammen geschweißt. Dinge „zum letzten Mal für lange Zeit“ zu tun, birgt eine gewisse Dramatik. Und Dramatik verbindet. Ein ausgiebiger Spa-Tag, schön Essen gehen, nochmal alle Freunde einladen und feiern, der letzte Sex am Abend bevor ich ihn in die Klinik gefahren habe… Wir sind uns näher als jemals zu vor, als ich in mein Auto steige und ihn allein seinem Schicksal überlasse, ich heule. Dramatik.
„Ich muss jetzt irgendwelche Pillen schlucken, weiß nicht, wie und ob ich danach noch schreiben kann. Bis später, Babe, ich liebe dich.“
Seine letzte SMS vor der OP und das erste mal, dass diese drei Worte fallen. Er liebt mich. Wäre das also auch geklärt.
Das ist nun zehn qualvolle Stunden lang her, als ich endlich, endlich telefonisch auf die Intensivstation durchgestellt werde.
„Ja, Herr Baumgärtner ist hier. Er ist im Aufwachraum.“ „Heißt das, er ist noch nicht bei Bewusstsein?“ „Das kann ich so bestätigen.“ Der Pfleger auf der Intensivstation gibt sich immerhin Mühe, mir, ohne wirklich Auskunft zu geben, die sehnsüchtig erwarteten Informationen zu liefern. „Dann rufe ich in einer Stunde nochmal an?“ frage ich vorsichtig. „Genau.“
Eine Stunde später bestätigt er mir, dass Simon wach ist. „Sie können mit ihm sprechen, wenn Sie möchten. Er kann nicht antworten, aber er kann Sie hören.“
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich wirklich in Simon’s Ohr oder einfach nur gegen eine Wand rede. Und dennoch muss ich mich sehr zusammenreißen, um fröhlich und aufmunternd zu klingen. „Babe? Hörst du mich? Du hast es geschafft. Es ist überstanden. Bald komme ich dich besuchen…“
Ich zittere und bin gleichzeitig unglaublich erleichtert, als ich auflege.
Man weiß wohl wirklich erst, was einem jemand bedeutet, wenn man Angst hat, er könnte einem genommen werden… ohne die eigene Erlaubnis.

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