Zauber und Staub

100%

Das Autoradio spielt Bruno Mars – ich singe lauthals mit. „Och komm, nicht singen!“ Simon rollt mit den Augen.
Bitte? Ich fühle mich ehrlich getroffen. Eigentlich war ich der Meinung, ich könne einigermaßen singen… schließlich habe ich jahrelang im Gospelchor gesungen, einige Instrumente gelernt… und mein (zugegebenermaßen etwas Musik-verrückter) Schwager in spe hat sogar mal ein Lied mit mir aufgenommen.
Simon nervt es, wenn ich singe. Und das verunsichert mich komischer Weise so sehr, dass ich mich tatsächlich frage, ob alle, die bisher behauptet haben, ich wäre musikalisch, gelogen haben.
Also singe ich nicht mehr – in seiner Anwesenheit – was schade ist – denn ich singe gerne. Und viel. Auch mit Emma… wir singen andauernd. In meinem Hinterkopf wird ein kleines Minus vermerkt „er mag nicht, wenn ich singe“.
Das reiht sich hübsch zu „er will mir nicht andauernd auf WhatsApp antworten müssen“, „er hält mich für unordentlich“, „er mag keine gefüllten Paprika“, und „er hat noch nie ‚ich liebe dich‘ gesagt“. Das ist natürlich nur eine kleine Auswahl an Minussen (Mini? Minä?), die ich im Laufe von 5 Monaten angesammelt haben.
Selbstverständlich gibt es bei jeder Buchhaltung auch eine Haben-Seite: „er kann tanzen“, „er kocht gerne“, „wir haben oft und guten Sex“, „er bringt mir Blumen mit“, „wir unternehmen viel“.
„So 100%-ig sicher bist du dir nicht, oder? Sonst müsstest du nicht so viel über die pros und contras nachgrübeln.“ Kathrin trifft es auf den Punkt. Stimmt. Bin ich mir nicht – war ich mir ja von Anfang an nicht – dann kurzzeitig schon, dann war er sich unsicher, wo das alles hinführen soll – und damit ich auch wieder.
Aber was sind schon 100%?
„Na dass du dir ganz sicher bist, dass er der einzige Mann auf der ganzen Welt ist, mit dem du zusammen sein willst.“
Ach so das.
Hm. Ne.
Gibt es das denn? Sollte es das geben? Kann ich – mit meiner Geschichte- überhaupt noch 100% erwarten, geschweige denn empfinden? Schließlich meiden gebrannte Kinder das Feuer – oder wie es mein Lieblingsbruder ausdrückte: „You accept the love, you think you deserve.“
Also grüble ich wieder. Zähle Plusse. Beschwöre schöne Erinnerungen herauf. Versuche, mir vorzustellen, wie eine gemeinsame Zukunft aussähe. Blicke immer wieder auf mein Handy – keine Nachricht. Natürlich nicht. Siehe oben.
Dann drehe ich die Musik lauter.
Und singe mit.

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