Zauber und Staub

A-Streptokokken

Natürlich regnet es. An solchen Tagen regnet es immer. Es ist Dienstag, ich muss mit meinem Verdacht-auf-Scharlach-Kind um 8:15 beim Kinderarzt sitzen. Der frühest mögliche Termin – natürlich – schließlich will ich ja danach arbeiten gehen.
Der Kinderarzt befindet sich in einer Fußgängerzone, wie jedes Mal schwöre ich mir, mir einen anderen zu suchen. Wie bekommt man ein fiebriges 18,5-Kilo Kind bei Regen im November in eine nicht-befahrbare Fußgängerzonen-Kinderarztpraxis?
„Im Notfall dürfen Sie auch rein fahren!“ Ist Scharlach ein Notfall? Ich denke kurz an all die fast-sterbenden Kinder, die wegen mir durch den Regen getragen werden müssten, weil der einzig freie Parkplatz belegt ist, und entscheide mich, die 800 m zu Fuß zu gehen. Emma auf dem Arm. Schwitzend, schnaufend, außer Atem.
„Maaammaaaa, wackel nicht so!“ So schlimm KANN die Krankheit gar nicht sein.
„Bei ansteckenden Krankheiten wie Windpocken bitte 3-mal Klingeln.“ mahnt mich ein knallrotes Schild an der Praxis-Tür. Ist Scharlach so ansteckend, wie Windpocken? Naja, wahrscheinlich ist es gar kein Scharlach, das Kind simuliert sicher nur. Ich trete ein. Ohne überhaupt zu klingeln.
Um 8:10 Uhr geht es in der Praxis bereits zu, wie im Bienenstock. 4 äußerst beschäftigte Arzthelferinnen, ein permanent klingelndes Telefon, eine grau-kurzhaarige Spätgebärende mit ihren 2 Sprösslingen (die sicher Friederieke und Balduin heißen) vor mir am Tresen. Zur Vorsorge-Untersuchung. Morgens um 8… ja sag mal, hat die nichts besseres… „doch, wahrscheinlich ist sie berufstätig, so wie du, und hat eigentlich keine Zeit für so einen Firlefanz!“ tönt meine innere Stimme. Ist ja gut.
Ich atme tief durch, tätschle Emma den Kopf und warte geduldig, bis wir an der Reihe sind.
Um Punkt 8:14 Uhr sitzen wir im Behandlungszimmer. Ich bin schon fast entzückt, wie schnell das ging… als mir nach und nach klar wird, dass das nur unsere Quarantäne-Station ist.
Wir warten.
Und warten. 15. 20. 30. 40 Minuten. 45 Minuten. Wie kann man bitte morgens, 15 Minuten nach Praxisöffnung bereits so um Verzug sein?
Ein wie-am-Spieß-brüllender Säugling im Behandlungsraum nebenan weckt Emma’s Interesse. „Wieso schreit das Baby so, Mama?“ „Hat wahrscheinlich ne Impfung bekommen.“ Morgens, Um 8:45 Uhr. Wenn berufstätige Mütter darauf warten… „Sei nicht so hart. Wärst du die Mutter des Säuglings, wäre dir die Impfung deines armen Lieblings zwischen 2 Stillmahlzeiten auch das wichtigste auf der ganzen Welt!“ „Fresse!“ raune ich meiner inneren Stimme zu.
Emma schleppt das 3 Buch zum Vorlesen an. Ich bin mittlerweile wirklich richtig sauer. Will ich doch nur die Bestätigung, dass mein Kind sich im Kindergarten mit Scharlach angesteckt hat, ich sie zur Oma bringen und dann die kommenden Tage Kinderbetreuung organisieren muss. „Verdammt, warum dauert das so lang!“ Emma überlegt. „Vielleicht haben alle anderen Kinder auch Scharlach?“
Ja, es ist November. Und ja, ich will in diesen Tagen wirklich weder Kinderarzt, noch Kinderarzt-Helferin sein. Ja, ich bin gereizt, ungeduldig, erschöpft, ausgelaugt… und niemand, weder Emma, noch der Kinderarzt können etwas dafür.
In solchen Momenten zweifle ich den Sinn der Emanzipation wirklich an. Bringt sie uns nicht nur ewige Zerrissenheit und ein ewig schlechtes Gewissen? Gegenüber dem Kind… weil wir nicht für es da sein können – gegenüber dem Arbeitgeber, weil wir „schon wieder ausfallen“… wäre es nicht viel einfacher, wenn wir einen solchen Kinderarztbesuch völlig entspannt, weil ohne Zeitdruck, hinter uns bringen könnten, danach das arme Kleine behutsam zurück zum Auto tragen, zuhause ins Bettchen legen und ihm alle erdenkliche Fürsorge zukommen lassen könnten?
„Hätteste mal deine Ehe nicht in den Sand gesetzt!“ stichelt meine innere Stimme. „Dann hätteste jetzt grad wahrscheinlich Erziehungsurlaub mit dem 2. Kind und alle Zeit der Welt.“
Hätte, hätte Fahrradkette.
Schnell das 10-Tages-Antibiotika in der Apotheke eingesammelt, an einer Hand das Kind (Ich glaub, du kannst laufen. oder?), in der anderen das Handy, um Oma und Chefin abzutelefonieren. Dann das Kind unter den Arm geklemmt und zum Auto gerannt (Parkschein seit einer halben Stunde abgelaufen). „Mama wieso rennst du denn so?“
Ja. Wieso renne ich eigentlich so?

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