Zauber und Staub

was zählt?

Simon’s Haustür fällt hinter mit zu, kühler Novemberniesel trifft mein Gesicht.
Ich werfe meine Tasche ins Auto, den Blumenstrauß kaum sanfter hinterher und setze mich hinter’s Steuer.
Tief durchatmen. Okay. Ich kann das – ich werde mit diesem Auto, das jeden Moment irgendwo stehen bleiben könnte, jetzt allein 30 km Schnellstraße zur Werkstatt in der Nähe meines Wohnortes fahren.
Ich brauche dazu niemanden. Ich kriege das alleine hin und ich habe auch keine Angst. „Ich habe schon ganz andere Sachen allein hinbekommen!“ – meine Standardantwort.
Eigentlich bin ich einfach nur sauer. Dass dieser Typ, der sich „mein Freund“ nennt, nicht mit mir gemeinsam zur nächsten Werkstatt fährt. Oder sich sorgenvoll mit seinem Auto an meine Stoßstange hängt, um da zu sein, falls der Motor vollends ganz verreckt. Schließlich bin ich ein Mädchen – Motorschäden machen mich einfach nur hilflos.
Aber er meinte nur „ach was, du kommst schon bis heim.“ und „meld‘ dich, falls doch nicht!“
Danke. Sehr freundlich. Werde ich dann sicher nicht tun! Das haben wir nun von unserer dämlichen Emanzipation.
Widerwillig und ruckelnd springt mein Wagen an, lässt sich mühevoll davon überzeugen, den Heimweg anzutreten. Schnell texte ich Emma’s Vater, es könnte eventuell knapp werden mit der „Übergabe“: „Hatte einen Motorschaden, hoffe, ich komme bis zur Werkstatt, melde mich dann.“
Hinter mir bildet sich eine Autoschlange. Die denken sicher alle ich wäre einfach nur zu doof zum Autofahren… am liebsten hätte ich ein großes Schild mit „Motorschaden, ich kann nicht schneller“ in der Heckscheibe. Mein Handy piept. „Wo bist du? Sollen wir dich irgendwo holen?“
Mangelnde Verlässlichkeit und Hilfsbereitschaft konnte ich Emma’s Vater nie nachsagen. Und selbst jetzt bietet er an, mich auf dem Weg heim von meinem „neuen Freund“ irgendwo aufzusammeln – samt Kind.
Mein Blick fällt auf den Blumenstrauß im Fußraum des Beifahrersitzes. Den hat mir Simon heute früh mitgebracht, als er Brötchen holen war. Schöne Blumen. „Was bringen mir verdammte Blumen, wenn ich gleich irgendwo mitten auf der Schnellstraße stehe und nicht mehr vom Fleck komme?!“ denke ich. Was ist nun wichtiger an einer Beziehung?
Mein braves Autochen hält durch und ich komme tatsächlich bei der Autowerkstatt an. Dort muss ich es stehen lassen und zusehen, wie ich nach Hause komme.
„Sind unterwegs, sammeln dich in 10 Minuten auf.“
Ich bin erschöpft, gerührt, beeindruckt. Wieso tut er das? Selbstverständlich – würde er sagen. Für mich ist es in dem Moment einfach nur großartig. Und ich bin mir plötzlich nicht mehr so sicher, ob „Romantik und viel Sex“ wirklich wichtiger sind als „Verlässlichkeit und Hilfsbereitschaft“.
Wieso muss man immer zwischen den guten Dingen wählen? Und wie soll ich mich bitte entscheiden, was wirklich zählt? Was (mir) wirklich wichtig ist? Schließlich habe ich mich von Emma’s Vater getrennt unter anderem wegen fehlender Romantik, Leidenschaft, und mangelnder Kommunikation. Unsere Beziehung war am Ende mehr wie eine WG, ein eingespieltes Team, verlässlich in jeder Lebenslage, aber oft unheimlich langweilig. Ich wollte wieder „gewollt werden“, umworben werden, mich geliebt und verstanden fühlen… und war mir sicher, dass ich das bei jemand anderem eher finde würde.
Emma und ihr Vater halten am Straßenrand, ich werfe meine Tasche samt Blumen in den Kofferraum und bin froh, im warmen, trockenen und laufenden Auto zu sitzen. „Hi ihr zwei. Das ist aber lieb, dass ihr mich aufsammelt.“
„Ist doch selbstverständlich.“ entgegnet er. „Ja Mama, ist doch selbstverständlich!“ plappert Emma nach.
Ich starre aus dem Fenster und bin froh, dass in dem Moment niemand meine Gedanken lesen kann.

 

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