Zauber und Staub

Meine Oma

ist gestorben. Sie war sehr alt und längst ernsthaft sauer auf „den da oben“, dass er sie nicht endlich zu sich holte. Nun hat sie es geschafft.
Da ich der Meinung bin, dass Kinder von Anfang an mitbekommen sollten, dass das Leben irgendwo beginnt und irgendwann wieder endet (das heißt: da ich leider niemanden gefunden habe, der Emma an diesem Tag ausnahmsweise vom Kindergarten abholen würde), nehme ich meine Tochter mit zur Trauerfeier.
„Emma, weißt du, wo wir hinfahren?“ „Auf eine Beerdigung!“ „Und weißt du auch, was eine Beerdigung ist?“ „Ja, das ist, wenn jemand tot ist.“ Richtig. Bedächtiges Schweigen. „Und weißt du auch, was das heißt, dass jemand tot ist?“
„Wie der Vogel. Der in unserem Flur, mit dem Blut und dem Kopf ab, weißt du Mama, den die Katze gefangen hat? Der ist auch tot. Und da haben wir auch eine Beerdigung gemacht. Nur halt im Mülleimer.“
Jaaa…. So ungefähr. (Den Teil mit dem Blut und dem Kopf ab überhöre ich einfach).

In der Friedhofskapelle angekommen bricht Emma in Entzücken aus. „Mama. Guck mal wie schön. Die Blumen. Und ganz viele Kerzen. Wie bei einer Hochzeit!“
Zum Glück kann eine 3,5-Jährige mit Sarkasmus noch nichts anfangen, also verkneife ich mir meinen Kommentar zur Äquivalenz von Beerdigungen und Hochzeiten.
Emma ist zufrieden mit der Veranstaltung und mit Hilfe von Gummibärchen und meinem Bruder als Alleinunterhalter, nur unterbrochen durch einen einzigen „ganz arg dringenden“ Pipi-Gang kurz bevor ich als Teil der Angehörigen vor zum Sarg treten muss („ok, los. Aber so schnell du kannst, und so leise du kannst!“) benimmt sich mein Kind mustergültig.

Wieder zurück am Tageslicht dämmert ihr jedoch, dass das nicht alles gewesen sein kann.
„Mama, wann ist jetzt die Beerdigung?“ „Ja, die war doch grad!“ „Nein! Die Großmutter ist in der Kiste und die Kiste ist doch noch draußen!“
Ich weiß, dass Emma ein wirklich aufgewecktes Mädchen ist, doch die Einzelheiten einer Feuerbestattung will ich ihr dann doch ersparen. „Das machen die später!“ „Ok, dann bleiben wir hier, bis die Kiste in die Erde rein kommt.“
Mist.
„Nein, wir gehen jetzt Kaffee trinken!“
Nicht mit Emma.
“Ich will keinen Kaffee trinken! Ich will sehen, wie die die Kiste in die Erde tun!“
Also gut. Ähm.
“Das geht nicht. Die Kiste wird erst verbrannt und das machen die nicht hier und da darf man auch nicht zugucken!“ Die Erwähnung von Feuer hat den gewünschten Effekt, Emma entscheidet sich nun doch, mir zu folgen.
„Und wenn wir nachher daheim sind, dann machen wir auch ein Feuer. Wegen dem Vogel.“

Ich kann nicht genau sagen, was in ihrem kleinen Kopf vorgeht, doch das Thema scheint sie nachhaltig zu beschäftigen. Und die Endgültigkeit muss ihr irgendwie bewusst sein, denn als sie sich einige Tage später mit ihrer Freundin im Garten streitet, höre ich nur noch „…. dann bin ich jetzt nicht mehr deine Freundin! Bis ich sterbe!“

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