Zauber und Staub

Feierabend

ist etwas, was man als Mutter nicht mehr hat. genau so wenig, wie Wochenende, oder Urlaub. Das arbeitende Volk mag sich von solchen Aussagen verhöhnt fühlen, aber ich habe noch selten von Chefs gehört, die nachts drei mal anrufen. Einmal um 12, wenn man gerade eingeschlafen ist, das nächste mal um 2 und dann nochmals um 10 nach 4. Mein Chef tut das. Nicht jede Nacht, aber immer wieder. Es kommt öfters vor, dass ich erst kurz nachdenken muss, um sagen zu können, welcher Wochentag heute ist.

Aber heute ist Freitag. Das weiß ich zufällig ziemlich genau, weil ich mich seit 2 Wochen darauf freue. Ich werde ausgehen. Wir früher. Ich treffe mich mit Kathrin. Der Babysitter ist organisiert.

Ein Kind ist kein Hindernis für gar nichts. Nicht, wenn man es nicht zulässt.

Mit jedem Kleidungsstück, das auf dem Haufen auf meinem Bett landet, nähere ich mich wieder ein Stück meinem alten Ich.

Ich kann es noch. Schichten von Make-Up landen in meinem Gesicht und Tonnen von Haarspray auf meinem Kopf. Emma quengelt und räumt das Regal im Bad aus. Ich ziehe meine Lippen sorgfältig nach. Emma ist im Begriff, an der Klobürste zu lecken. Noch ein bisschen Puder – fertig. Mein Spiegelbild sieht fast so aus, wie damals. Vor Emma. Nur irgendwie… reifer.

Ich betrachte den Ehering an meiner etwas zu trockenen Hand und überlege nur für einen kurzen Moment, ob ich ihn abnehmen soll. Nur heute Abend. Ein mal so tun, als wäre ich ungebunden, frei und unabhängig. Ich lasse ihn an. Denn der Gedanke scheint mir mit einem Mal wie ein Verrat an meiner Tochter. Ein Stich geh durch die Stelle, wo ich mein Herz vermute. Meine Tochter ist mein ein und Alles, so viel steht fest.

„Maaaaaaaaaaaaama“

Emma kann jetzt Mama sagen. Besser gesagt: Sie kann Mama schreien. Sie tut es nämlich nur, wenn etwas in ihren Augen furchtbar dramatisches mit ihr geschieht. So wie jetzt. Sie ist noch nicht einmal zwei Jahre alt, doch sie merkt genau: Diese Frau, die sich meine Mutter schimpft, wird mich nun verlassen. Sie wird einfach gehen. Und wer weiß, ob sie jemals wieder kommt.

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