Zauber und Staub

Kein Parkplatz

weit und breit. Ich fahre zum 3. Mal alles ab. Nichts zu machen, alles voll. Moment, da hinten, der Sharan setzt zurück, den nehme ich. Geschafft. Ich ziehe mein Lipgloss im Rückspiegel nach, bevor ich aussteige. Die Sonne scheint nicht wirklich, dennoch, ich setze meine RayBan nicht ab, so viel Glamour muss sein. Nur noch eben…. den Kinderwagen aus dem Kofferraum hieven.

Denn ich befinde mich nicht etwa in der Stuttgarter Innenstadt auf dem Weg zum Shopping, nein, ich stehe auf dem Parkplatz eines bekannten Familien-Ausflugsziels bei uns im Dorf. Ein großer Spielplatz, ein Streichelzoo, ein kleines Café für die Eltern. Dort werde ich mich gleich mit den Dorfmuttis aus meinem Schwangerschaftsvorbereitungskurs treffen.

Als Emma sicher verstaut und gut eingepackt ist und ich mich zum ersten Mal traue, mich um zu sehen, stelle ich fest, dass ich am Abgrund stehe. Praktisch mit einem Fuß schon in der Luft. Ich. Hier. Die Tränen schießen mir in die Augen und ich bin froh um meine RayBan. Ich habe mich noch nie so verloren gefühlt. So fehl am Platz. So fremd.

Um mich herum Scharen von bunten kleinen Käfern, Kinder aller Altersklassen, und großen Käfern, nicht minder bunt. Das Gebrabbel der großen und kleinen Käfer wird durchbrochen vom Blöken der Ziegen und Schreien der Pfauen. Ein Esel fordert entrüstet Aufmerksamkeit.

Mein Altes Leben zieht wie im Flug an mir vorbei. Designerklamotten, Job, Sportwagen, Parties, Urlaube, durchgeschlafene Nächte und Tage, die genau so verliefen, wie ich sie vorher geplant hatte. Zumindest im Ansatz.

Ein Kinderwagengeschwader steuert direkt auf mich zu. Ich drehe mich weg und schaue mir interessiert die Auslage der Bio-Gärtnerei an. Ich bin zum Shoppen hier. Genau. Ich will nur schnell ein wenig Gemüse kaufen. Soll gesund sein. Hab ich gehört. Denn eines ist so klar, wie die Fensterscheibe der Bio-Gärtnerei: Ich gehöre hier nicht her.

Sätze, die mit „meine“ oder „meiner“ anfangen liegen in der Luft.

„Meiner verträgt seine Milch grad nicht.“ „Meine schläft abends einfach nicht vor 22 Uhr ein.“ „Meiner hat Blähungen.“ „Meine schläft schon durch. Meiner hat Hunger.“

„Anne!“ Kerstin balanciert ihren knallroten Kinderwagen zwischen den parkenden Autos durch. „Wartest du schon lang? Hier ist ja ganz schön was los!“ Ich stecke mir meine RayBan in die Haare und presse ein Lächeln hervor.

Wir setzen uns in Bewegung. Plötzlich bemerke ich, dass es passiert. Die Umgebung verschluckt mich. Ich bin Teil des Geschwaders. Ein Teil des Schwarmes aus Wesen mit zwei Füßen und vier Rädern. Ich bin tatsächlich gelandet. auf dem Planeten der Dorfmuttis, und bewege mich unter ihnen. Langsam und holprig geht es den Schotterweg am Streichelzoo entlang. Kerstin unterhält sich mit Sabine, die in er Zwischenzeit mit ihren beiden Kindern zu uns gestoßen ist. „Meine hat sich heute zum ersten Mal gedreht!“ „Wirklich? Wie schön. Das ist ja super. Du wirst sehen, bald kann sie das so gut wie meine“.

Meine ist eingeschlafen.

Ich betrachte Emma im Kinderwagen. Immerhin hat der fast die selbe Farbe, wie mein Sportwagen früher.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s